Freitag, 16. Februar 2018

Absturz auf Französisch

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. 399 Seiten. 22.-€ . Kiepenheuer & Witsch
Vernon Subutex ist schon vor Jahren mit einem immerhin legendären Plattenladen in Paris Pleite gegangen. Als nun ein reicher Freund stirbt, der ihn bisher regelmäßig finanziell unterstützt hat, verliert er auch noch seine Wohnung. Mit der Notlüge, er sei nur auf der Durchreise, quartiert er sich der Reihe bei alten Freunden und Bekannten, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, nach ein. Damit beginnt ein Reigen von ebenso bitterbösen wie genau beobachteten Porträts der jeweiligen GastgeberInnen. Darunter ist ein Rechtsradikaler, eine junge Muslimin, ein narzisstischer Börsenspekulanten, ein brasilianisches transsexuelles Model, eine Pornodarstellerin, ein professioneller Internet-Troll und ein Groupie. Die Geschichten summieren sich zu einer schonungslosen Beschreibung der Generation, die in den 80er Jahren Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll genossen hat,  nun aber feststellen muss, dass das Leben keine andauernde Party ist. Am Ende landet Vernon Subutex doch noch auf der Straße.
Ein Roman über die Pariser Gesellschaft, der seinen diversen Charakteren wenig Hoffnung lässt. Gut geschrieben, interessant, sehr französisch. Ein Buch, das man gelesen haben sollte, auch wenn es nicht sehr fröhlich stimmt.

Samstag, 10. Februar 2018

Und tschüss!

Marie Matisek: Frau gönnt sich ja sonst nichts. Wie sich die Trennung von meinem Mann unverhofft als Glücksfall erwies. Knaur. 12,99 €
Die Frau hat Mut! Marie Matisek, sonst Autorin von Romanen, schreibt ohne Pseudonym offen darüber, wie sie  die Trennung von ihrem Mann Thorsten bewältigt hat. Nach 20 Ehejahren wurde sie für eine Jüngere verlassen. Das wäre Grund genug, in Selbstmitleid zu versinken, doch die kluge Autorin holt sich selbst aus dem Tal der Tränen. Mit Realitätssinn analysiert sie die Gründe, die zur Trennung geführt haben.
Sie  sieht auch ihren Anteil: Lange Zeit hat sie sich neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit voll auf das Familienleben konzentriert, während ihr Mann seine Karriere verfolgte. Dabei ist die Paarbeziehung auf der Strecke geblieben. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Marie Matisek nimmt es als Chance auf ein neues selbst bestimmtes Leben.
Dabei gelingt ihr etwas, was viele Paare in ihrer Situation nicht schaffen:
Kein Aufrechnen von Schuld, kein Hass, kein Rosenkrieg. Stattdessen Respekt und liebevolle Erinnerung an vergangene glückliche Zeiten.
Die Autorin verbindet Wahrhaftigkeit mit wohltuender Diskretion. Zudem weiß sie als Schriftstellerin Erfahrungen und Gefühle so zu beschreiben, dass es gleichzeitig ein Lesegenuss ist.
Marie Matiseks Erfahrung ist auch für (noch) glückliche Paare eine Bereicherung und für alle trennungsgeschädigten Frauen ein Vorbild.

Samstag, 3. Februar 2018

Noch einmal mit Gefühl

Ingo Vogel: Sag es einfach emotional. Gefühl schlägt Verstand – in jeder Kommunikation. 
267 Seiten. Econ. 20.- €
Der Autor ist Kommunikations- und Verkaufstrainer. Dieser Hintergrund prägt das Buch. Es geht darum, andere Menschen mit einer positiven Sprache zu gewinnen. Ein authentisches und begeisterndes Sprechen ist die Grundlage. Dazu vermittelt der Autor psychologischen Hintergrund, wie etwa die „elf emotionalen Meisterwerke“: Dankbarkeit, Optimismus, Gelassenheit, Interesse, Freude, Inspiration, Erstaunen, Begeisterung und Leidenschaft. Er beschreibt, wie man ein gutes Gesprächsklima herstellt, wie man starke Emotionen weckt oder klar Position bezieht. Dabei geht es nicht nur um ein vordergründiges Training, sondern darum, ein positives Selbst-, Welt- und Menschenbild zu entwickeln. Vorschläge für Übungen ergänzen die Kapitel.
Das Buch ist ein gut aufgebauter Ratgeber, informativ und umfassend. Ein wenig schmunzeln musste ich darüber, dass ausgerechnet ein Buch über emotionale Sprache ausgesprochen sachlich verfasst ist. Der Autor bringt weder eigene Erlebnisse noch die anderer Personen als Beispiele ein. Aber wer einfach mehr über eine wirkungsvolle Sprache lernen möchte, wird das nicht vermissen. Das Buch ist so hilfreich wie ein Coaching.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Köstlich!

Saygin Ersin: Der Meisterkoch. Übersetzt von Johannes Neuner. 366 Seiten. Atlantik Verlag. 20.- €

Saygin Ersins Roman ist ebenso märchenhaft wie spannend. Er erinnert an „1001 Nacht“, Paulo Coelhos „Alchimist“ und die Liebesliteratur der Sufis. Die Geschichte spielt im 16. Jahrhundert in Istanbul. Protagonist ist der geheimnisvolle junge Meisterkoch Cihan, der den ultimativen Geschmackssinn besitzt. Als Sohn eines Sultans geboren, entgeht er einem Mordanschlag und wächst unerkannt beim Koch eines Lusttempels auf. Dort entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen ihm und der Tänzerin Kamer. Durch unglückliche Umstände werden die beiden getrennt, Kamer gerät schließlich in den Harem des Sultans. Der inzwischen in der Kunst des Kochens magisch bewanderte Cihan schleicht sich als Koch in den Palast ein, um seine große Liebe zurückzuerobern. Doch bis dahin hat er einige Prüfungen zu bestehen und muss immer wieder über sich hinauswachsen. Ob es ihm gelingt, sich wieder mit Kamer zu vereinen, sei hier nicht verraten, zumal sich die Spannung bis zuletzt hält. Der Autor streut immer wieder Rückblenden aus Cihans Vergangenheit ein, die die Entwicklung des Meisterkochs deutlich machen. Philosophische Lebensweisheiten verleihen der Erzählung Tiefe und die Beschreibung der köstlichen orientalischen Gerichte gibt ihr Kolorit.
Ein Buch ist wie ein Festmahl. Es hat mich berührt und begeistert. Last but not least ist schon der rot-goldene Umschlag eine Augenweide. Für alle RomantikerInnen, die einmal die Welt vergessen möchten: Unbedingt lesen! 

Donnerstag, 11. Januar 2018

Wünsch dir was!

Bill Griffin: The Wish. Das Buch der 99 Wünsche. 220 Seiten. Heyne Encore. 15,00 €

In meinem Buch „Wunscherfüllung für Selbstabholer“ (das leider vergriffen ist) habe ich mich ausführlich mit Wünschen beschäftigt - von daher war ich auf dieses Wunsch-Buch neugierig. Doch hier geht es nicht um allgemeines Knowhow, sondern um 99 konkrete Wünsche mit jeweils ein paar guten Tipps, wie man sie verwirklichen kann. Außer Klassikern wie der Wunsch nach Millionen oder einer Weltreise gibt es hier eine ganze Palette individueller Sehnsüchte, etwa: „Ich wünschte, ich könnte mein Geheimnis mit jemandem teilen“ oder „Ich wünschte, ich wäre nicht so handysüchtig.“ Die hat sich der Autor nicht ausgedacht, sondern gesammelt. 2014 gründete er die Webseite Crowdwish. Wer will, kann ihm seitdem seinen Wunsch mailen, sei es ein materieller oder einer, der sich auf das Leben, den Beruf, die Familie  oder Freunde bezieht. Alle 24 Stunden sucht er sich dann aus den Einsendungen einen Wunsch heraus und unterstützt den Absender bei dessen Erfüllung. Im Laufe der Jahre kamen so fast 30.000 Mails zusammen. Also hat sich Bill Griffin entschlossen, die 99 meistgenannten Wünsche auszuwählen und ein Buch darüber zu schreiben. In „The Wish“ geht er zwei Seiten lang auf jeden einzelnen Wunsch ein und gibt praktische Ratschläge, wie man ihn am besten erfüllen kann. Die Tipps sind ebenso kurz und knapp wie klug und praktisch. Zumindest vermitteln sie einen Denkanstoß. Am Ende steht immer ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit, dass einen die Erfüllung tatsächlich glücklich macht.
„The Wish“ ist ein anregendes Buch. Es zeigt, dass sich die meisten scheinbar unerreichbaren Wünsche mit Knowhow, Planung, Kreativität und Spontanität durchaus erfüllen lassen. Sag´ ich doch!

Samstag, 6. Januar 2018

Die Glücksformel

Mo Gawdat: Die Formel für Glück und wie Sie diese nutzen.

283 Seiten. 19,99 €. Redline
Dass sich hier einmal keiner aus den Fachbereichen Psychologie,  Philosophie, Gehirnforschung oder Esoterik mit dem Thema Glück befasst, ist erfrischend neu. Mo Gwadat ist Ingenieur und Vizepräsident in Googles innovativster Denkfabrik – da darf man gespannt sein, was er zum Thema zu sagen hat. Tatsächlich geht er die Frage „Wie werde ich glücklich“ auf rationale Weise an. Strukturiert und analytisch prüft er Fakten und sucht die Logik dahinter. Gawdat geht davon aus, dass wir glücklich zur Welt kommen, dann aber durch unsere Sozialisation verwirrt werden. Indem wir jedoch lernen, unsere Gedanken zur Räson zu bringen und grundlegende Irrtümer über das Leben erkennen, haben wir unser Glück selbst in der Hand. Auch wenn der Autor streng logisch vorgeht, erkennt man hinter seiner Formelsprache doch immer wieder psychologisch-philosophische Erkenntnisse, zum Beispiel die von dem altgriechischen Philosophen Epiktet aufgestellte These „Nicht wie die Dinge sind, ist entscheidend, sondern wie wir sie sehen“.
Mo Gawdat hat das Buch nach einem schrecklichen Verlust geschrieben: Sein Sohn Ali ist mit 21 Jahren durch einen ärztlichen Kunstfehler gestorben. An diesem Schmerz muss sich die Glücksformel beweisen – und sie tut es! Sie versetzt den trauernden Vater in die Lage, nicht zu verzweifeln, sondern trotz allem noch ein glückliches Leben zu führen.
Ein ausgesprochen inspirierendes Buch über die Praxis des Glücks. An manchen Stellen hätte ich zwar gerne mit dem Autor diskutiert, weil ich als Psychologin einiges anders sehe als er, doch das Ergebnis ist zweifellos wirkungsvoll und im Alltag hervorragend anwendbar.

Samstag, 16. Dezember 2017

Farbenblind

Trevor Noah: Farbenblind. 333 Seiten. Blessing. 19,99 €

Trevor Noah ist in den USA ein bekannter TV-Moderator, Comedian und Schauspieler. Doch seine Kindheit und Jugend, die er in diesem Buch beschreibt, war unter dem grausamen Apartheitsregime Südafrikas alles andere als glanzvoll. Trevor wurde 1984 in Johannisburg als Sohn einer Schwarzen vom Volksstamm der Xhosa und eines Schweizers geboren. Die Verbindung seiner Eltern verstieß gegen den seit 1927 in Südafrika gültigen Immorality Act, der die Beziehung zwischen Europäern und Eingeborenen unter Strafe stellte. Während dieses menschenverachtenden Regimes, das bis 1990 dauerte, war das Leben für die alleinerziehende Mutter, die sich nur heimlich mit dem Vater ihres Kindes treffen konnte, sehr schwer. Doch als starke und innerlich unabhängige Frau ließ sie sich trotz Schikanen und vielen täglichen Widrigkeiten nicht unterkriegen. Noah beschreibt sie mit großer Liebe und Hochachtung. Er erzählt auch offen davon, wie er und seine Freunde sich mit illegalen Geschäften wie Raubkopieren und Hehlerei versuchten, sich das Leben etwas angenehmer zu gestalten. 
Beim Lesen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Das Buch gibt einen persönlichen Einblick über das Leben während der Apartheit. Die Vorstellung, dass es noch gar nicht lange her ist, dass Menschen darunter leiden mussten, ist erschütternd. Aber Trevor Noah beschreibt selbst schlimme Situationen mit viel Humor und findet selbst in üblen Erfahrungen noch komische Aspekte. Von daher ist es tatsächlich auch ein unterhaltsames Buch. Lesenswert!