Dienstag, 24. April 2018

Liebenswerter Lebenslauf

Heike Pfaller, Valerio Vidali: Hundert. Was du im Leben lernen wirst. 100 Seiten, 20.- €
Ich muss gestehen, bevor ich das Buch aufschlug, war ich etwas skeptisch: Eine Einteilung, was man als Mensch Jahr für Jahr lernt? Das würde bei mir bestimmt nicht greifen. Schließlich habe ich schon häufig festgestellt, dass ich nicht in ein festes Zeitschema passe.  Aber meine Sorge, es handele sich um eine strikte Tabelle von der Wiege bis zur Bahre war unbegründet. Heike Fallers Buch hat einen viel charmanteren und liebenswerteren Ansatz: Sie hat viele Menschen unterschiedlichen Alters und Nationalität befragt, was sie in bestimmten Phasen ihres Lebens erfahren haben. Das hat sie dann auf jeweils einen Kernsatz pro Jahr verdichtet. Es beginnt mit der Geburt: "0 - Du lächelst, zum ersten Mal in deinem Leben. Und die Anderen lächeln zurück", und endet mit „99 - Hast Du Irgendwas im Leben gelernt?". Valerio Vidali hat die Lebenserfahrungen auf jeder Seite kongenial und fantasievoll illustriert. Herausgekommen ist ein zauberhaftes Buch, humorvoll und berührend.
Ein wunderbares Geschenk für Freunde und eine Inspiration, einmal über die eigene Entwicklung nachzudenken..

Samstag, 21. April 2018

Die Reise nach Indien

Dr. Vinod Verma: Gesund durch Ayurveda. Die Basics des indischen Heilwissens für ein langes Leben. 207 Seiten. 18,99 €. Knaur Menssana
Kürzlich las ich den begeisterten Bericht einer Redakteurin, die sich in einem indischen Luxusressort einer Ayurvedakur unterzogen hatte. Sie fühlte sich anschließend voller Energie. Schön, aber wer kann es sich schon leisten - sei es zeitlich oder finanziell -, dazu nach Indien zu reisen. Das muss auch nicht sein, denn für den Hausgebrauch hat die Biologin Vinod Verna eine Anleitung geschrieben.
Der Ratgeber ist in 5 Kapitel unterteilt: 1. Gesundheit ist Gleichgewicht. 2. Organisiert leben. 3. Entgiftung: eine Grundvoraussetzung für Wohlbefinden. 4. Leitfaden für eine gesunde Lebensführung. 5. Aahaar – die Ernährung. Grundlage sind natürlich die Grundprinzipien des Ayurveda, mit der bekannten Typeneinteilung in Vata, Pitta und Kapha, sowie deren Mischtypen. Als LeserIn kann man sich selbst gut einordnen. Man erfährt, welche Anzeichen auf eine Disharmonie hindeuten und wie man sie mit Entgiftung, Hautpflege, Atem, Achtsamkeit und Ernährung wieder in die Balance bringt. Ein gutes Drittel besteht aus passenden Rezepten, die sich sämtliche mit heimischen Zutaten zubereiten lassen.
Ein praktisches, verständliches Buch für alle, die die indische Wissenschaft des Heilens für sich selbst anwenden möchten. Selbst wer nicht das gesamte Programm durchführt, kann sich davon inspirieren lassen.    





Sonntag, 15. April 2018

Magische Welt

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore. Eine Idee erscheint. Bd. 1. 26.- € . DuMont

Ich bin ein Fan von Murakami. Wenn man einen Autor mag, dann muss man natürlich jedes neue Buch von ihm lesen. Wie alle Bücher Murakamis spielt auch dieses mit Geheimnissen. Dem namenlosen Ich-Erzähler passiert im Äußeren gar nicht viel - und doch entsteht Spannung durch die Beschreibung innerer Vorgänge und magischer Vorkommnisse. Nach und nach wird man in eine andere Welt hineingezogen.
Die Story: Nachdem ihn seine Frau verlassen hat, fährt ein 36jähriger japanischer Porträtmaler zunächst ziellos durchs Land. Ein Freund bietet ihm schließlich an, das Haus seines alten, dementen Vaters zu hüten, der es früher auch als Atelier genutzt hat. Er hatte in den 30ger Jahren in Wien moderne Malerei studiert, wurde aber später ein bekannter Vertreter des Japanischen Nihonga Stils. Das Haus liegt abgeschieden an einem Hang im Wald. Auf dem Dachboden entdeckt der Porträtmaler ein unbekanntes Bild des alten Malers  mit dem Titel "Die Ermordung des Commendatore" und versucht daraufhin interessiert, mehr über sein Leben herauszufinden. In der Villa am Hang gegenüber lebt ein reicher Unternehmer, der sich aus der Gesellschaft zurückgezogen hat. Er beauftragt den Porträtmaler, ein Bild von sich anzufertigen und sitzt dafür Modell. Der Auftrag inspiriert den Porträtmaler zu einem neuen künstlerischen Stil. Maler und Modell kommen sich näher und werden gemeinsam in mysteriöse Ereignisse verstrickt: Glocken klingen nachts aus einer Erdgrube, eine Idee inkarniert sich in der Gestalt des Commendatore aus dem Gemälde. Schließlich bittet der Unternehmer seinen Porträtisten um einen besonderen Gefallen…Hier endet der Roman, der vom Autor auf eine Fortsetzung angelegt ist.
Wieder einmal ein Leckerbissen für Murakami-Fans und eine Empfehlung für alle, die es werden wollen.  

Dienstag, 3. April 2018

Gefährliche Liebschaften

Carlos Del Amor: Die einzig wahre Liebe. 234 Seiten. 10.- €. Atlantik Verlag

Die Story: Ein Journalist und Schriftsteller verbringt den Hochsommer allein in Madrid, weil er an einem Roman arbeiten will. Aber ihm fehlt noch ein zündendes Thema. Sämtliche Bewohner des  mehrstöckigen Haus, in dem er lebt, sind im Urlaub. Zufällig findet er im Treppenhaus den Schlüsselbund der ebenfalls abwesenden Concierge und verschafft sich damit Zutritt zu den Wohnungen seiner Nachbarn. Dort entdeckt er beim Lesen alter Briefe und dem Betrachten von Fotos so manches, was ihm sonst verborgen geblieben wäre. Vor allem aber fasziniert ihn die Wohnung von Simón, dessen Frau Ana vor Jahren verstorben ist und der ihr bis heute nachtrauert. Er entschlüsselt ein sorgsam gehütetes Geheimnis: Ana hat Simon betrogen und wurde von ihrem Liebhaber aus dem Fenster gestoßen. Am Ende hat der Schriftsteller durch seine „Hausbesuche“ den Plot für seinen Roman gefunden.
Carlos del Amor beschreibt - entsprechend den Entdeckungen seines Protagonisten in der jeweiligen Wohnung -, kurze (Lebens-)Geschichten aus der Perspektive der Bewohner. Etwa die von Amalia, die ihre behinderte Tochter pflegt, von Marcos, der als Postbote Briefe hortet oder von Hector, der ein Verhältnis mit Ana hatte. Auf diese Weise entsteht beim Lesen das Gefühl, man begleite den Eindringling bei seinen heimlichen Besuchen und nähme am Leben der Bewohner Teil, an ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Lust und Liebe.
Ein fantasievolles Buch, das sich gut als Urlaubslektüre eignet - vorzugsweise natürlich in Spanien.

Montag, 26. März 2018

Sprachrohr der Seele

Bijan Amini: Die Seele verstehen – Den Körper heilen. 235 Seiten. 19,95 €. Heseberg Verlag

Professor Bijan Amini, Jg. 43, war Jahrzehnte an der Universität Kiel als Erziehungswissenschaftler tätig und ist der Begründer der Krisenpädagogik. In diesem Buch berichtet er von seinen spektakulären Erfahrungen mit Heilträumen und beleuchtet die philosophischen und pädagogischen Hintergründe.
Wenn die Seele eine starke Belastung verkraften muss, leidet der Körper mit und bringt das Problem in Form von Krankheitssymptomen zum Ausdruck. Sobald dieser Zusammenhang geistig bewusst wahrgenommen wird, kann eine Heilung erfolgen. Das geschieht in der Krisenpädagogik in fünf Schritten, die insgesamt nur zwei Tage benötigen: Ein klärendes Gespräch, Erkenntnis der Thematik, Vorbereitung auf einen Traum und Deutung der Traumbotschaft. Faszinierend ist, dass sich tatsächlich in 90 Prozent der Fälle der gewünschte Traum einstellt und die (Er-)Lösung bringt. In der Folge verschwindet das körperliche Symptom. Was wie Magie oder Wunderheilung klingt, wird in diesem Buch an zahlreichen genau dokumentierten Fallbeispielen seriös belegt. Chronische Rückenschmerzen, Nierenkoliken oder Neurodermitis verschwinden, sobald ihre seelische Ursache erkannt und dank der Traumbotschaft von den Betroffenen unter einer heilsamen Perspektive gesehen wird.
Zusätzlich erläutert der Autor das Mysterium des Traumes sowie die Bedeutung des Geistes für den Menschen und zeigt einen praktischen Weg zur Gesundheit über Ernährung und Entschleunigung.
Vor allem die Fallbeispiele dürften Leserinnen und Leser beeindrucken und chronisch Kranken ein Aha-Erlebnis bescheren. Auch die philosophischen Erläuterungen sind inspirierend, setzen allerdings wissenschaftliche Denkweise voraus und sind dadurch vielleicht weniger eingängig. Ein wichtiges Buch, das einen neuen Aspekt der Verbindung von Körper, Geist und Seele dokumentiert.

Samstag, 3. März 2018

Glück muss man haben!


Robert H. Frank: Ohne Glück kein Erfolg. Der Zufall und der Mythos der Leistungsgesellschaft. 20.- €. DTV
In meinen Büchern „Tango vitale – Krisen und Chancen nutzen“ und „Spielregeln des Lebens für mehr Glück und Erfolg“, habe ich mich intensiv damit beschäftigt, inwieweit wir Einfluss auf unseren Erfolg haben und wo er dem Zufall geschuldet ist. Von daher fand ich es hochinteressant, einmal zu lesen, wie ein Wirtschaftswissenschaftler  das Thema angeht. Robert H. Frank sieht es unter soziologischem und politischem Aspekt.
Die Voraussetzungen für ein mehr oder weniger erfolgreiches Leben sind schon allein durch den Ort der Geburt gegeben. Es ist schließlich reine Glückssache, ob man in einer reichen Zivilisationen mit  ihren Möglichkeiten aufwächst. Trotzdem wird das kaum berücksichtigt. Stattdessen herrscht in unserer westlichen Welt das Denken der Leistungsgesellschaft vor. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch seinen Erfolg oder Misserfolg selbst in der Hand hat. Entsprechend glauben viele reiche oder prominente Menschen, sie hätten sich ihren Erfolg selbst zuzuschreiben, etwa auf Grund von Fleiß, Talent, Intelligenz oder Disziplin. Der Autor weist nach, dass Zufallsereignisse in den Lebensläufen bedeutender Persönlichkeiten eine weitaus größere Rolle spielen, als sie selbst annehmen. Zahllose Menschen mit genau denselben Qualitäten werden weder reich noch berühmt, weil Ihnen genau dieses Quentchen Glück fehlt..
Frank spielt einen Eigenanteil am Erfolg keineswegs herunter. Immerhin muss der glückliche Zufall ja ergriffen und mit Qualität ausgefüllt werden. Doch nicht jeder, der es nicht nach oben geschafft hat, ist zu schwach oder hat zu wenig Kompetenz, sondern war vermutlich einfach nicht zur rechten Zeit am rechten Ort. Frank zieht ein politisches Fazit: Der Faktor „Glücklicher Zufall“ lässt sich in förderliche Bedingungen umsetzen, wie Bildung, Angebote, Verteilung von Geldern. Die Erfolgreichen sind aufgefordert, diese Ressourcen dankbar zur Verfügung zu stellen, anstatt sich narzißtisch für ihre Großartigkeit zu loben.
Robert H. Franks Buch enthält viele interessante Beispiele und Grafiken zu Untersuchungen. Es ist anregend und lesenswert. Was man nicht erwarten darf, sind metaphysische Überlegungen, wo denn der glückliche Zufall herkommt. Aber das ist auch gar nicht Franks Absicht.

Montag, 26. Februar 2018

Eine Liebe in Bielefeld

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch. 24.-€
In Meyerhoffs autobiografischem Roman geht es vor allem um die Liebe. Während seiner Zeit als junger Schauspieler am Bielefelder Stadttheater verliebt sich der Ich-Erzähler die Germanistik-Studentin Hanna. Sie ist auf ihre spezielle Art für ihn faszinierend: intellektuell, spontan und anstrengend exzentrisch. Nach seinem Umzug nach Dortmund lernt er am dortigen Stadttheater die Tänzerin Franka kennen: groß, attraktiv, sexy. Neben Hanna und Franka kommt schließlich auch noch Ilse ins Spiel: eine ältere Bäckersfrau mit üppigen Formen, die den Jungschauspieler frühmorgens in der Backstube mit Puddingbrezeln verführt. Zwischen diesen drei Frauen mäandert Meyerhoffs Alter Ego Joachim hin und her. Hanna darf nichts von Franka wissen, Franka nichts von Hanna, und Ilse hat ohnehin keine Ahnung von ihren Rivalinnen. Das führt zu komischen Verwicklungen, bei denen der junge Schauspieler Blut und Wasser schwitzt. Eingeflochten in diese Liebesdramen sind Seitenhiebe auf die Schauspielkollegen beider Theater und Rückblenden in die Kindheit. Am Ende scheitern alle drei Liebesbeziehungen.
Meyerhoff ist ein Meister der Sprache. Es gelingt ihm, die Gefühle seines jungen Egos genau und bildhaft auszudrücken. Hinzu kommt oft ein boshafter Witz, der allerdings die betroffenen Personen subtil entwertet. Mit dieser Einschränkung: Ein brillantes Lesevergnügen.